Das Geheimnis Altruismus - und seine Erklärung durch Soziobiologie, Rational Choice Theorie und Sozialpsychologie
Das Geheimnis „Altruismus“ beschäftigt in seiner Eigenschaft als hochgelobte menschliche Tugend nicht nur Moralphilosophen, sondern ebenso Romanschriftsteller und Drehbuchautoren. Was genau also ist Altruismus und wieso ist seine Betrachtung interessant? Mit Hilfe verschiedener Erklärungswege (Soziobiologie, Rational Choice Theorie, Sozialpsychologie) wird diesem Phänomen auf den Grund gegangen.
von Claudia Zimmermann
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I EINLEITUNG
In der Verhaltensmotivationsforschung wurde der Altruismus zu Gunsten der Erforschung von negativen Verhaltensweisen lange vernachlässigt (vgl. Heckhausen 1989, S. 279), da diese für unsere von Problemen behaftete Gesellschaft von größerem Interesse zu sein schienen. Dennoch bestehen „positive“ Verhaltensmuster aus mehr als nur der Abwesenheit irgendwelcher erforschenswürdiger Probleme. Es lohnt sich die Frage: Was ist Altruismus?
Definitionen gibt es viele, oft erfolgt eine Beschreibung mit den Worten „prosoziales Verhalten“ und „Hilfehandeln“ (vgl. Heckhausen 1989, S.279). Am verbreitetsten ist die Auffassung von Altruismus als einem Verhalten, welches das Wohlergehen anderer fördert und nicht in Erwartung einer externen Belohnung erfolgt (vgl. Hunt 1992, S. 16). Die Unklarheit der Begriffsbestimmung ist schon ein Hinweis auf die Schwierigkeiten beim Verständnis des Phänomens selbst: Wenn man nach den Gründen und der Motivation für altruistisches Handeln sucht, scheinen wahrhaft selbstlose Motive unwahrscheinlich, da man (egal ob man ein positives oder negatives moralisches Menschenbild vertritt) sich fragen muss, wie ein dem menschlichen Selbsterhaltungstrieb so stark widersprechendes Handeln überhaupt entstehen und sich durchsetzen kann.
Somit können manche Erklärungsversuche sehr abenteuerlich anmuten, wenn zwanghaft nach den „wirklichen“ Gründen gesucht wird, die vermutlich doch einer egoistischen Motivation entspringen und einfach nur erkannt werden müssen.
Ob „wahrer“ Altruismus Illusion ist oder nicht, seine Gegenwärtigkeit in unser aller Leben ist unbestritten; also verkörpert er nicht nur eine Herausforderung der Grundsätze unserer biologischen und psychologischen Denkweise, sondern auch eine relevante soziale Erscheinung.
II SOZIOBIOLOGIE
1. Die biologischen Grundlagen des Gen-Egoismus
Um die Entwicklung und eine mögliche Erklärung altruistischen Verhaltens nach der Sichtweise von Dawkins verstehen zu können, kommt man nicht an der Beschäftigung mit den evolutionstheoretischen Grundlagen vorbei, von denen er ausgeht.
Dawkins spricht sich mehrmals vehement gegen die veraltete Vorstellung aus, dass die Handlungen eines Lebewesens in irgendeiner Weise auf das „Wohl der Art“ ausgerichtet sind, eine Ansicht, die er mit dem Großteil seiner biologischen Fachkollegen teilt. Der Ausgangspunkt seiner Theorien ist die Kernthese Darwins, vom Überleben und der Ausbreitung der „Bestangepasstesten“. Allerdings verschiebt Dawkins die in diesem Zusammenhang zu betrachtende Einheit von der „Art“ über das „Individuum“ hin zum „Gen“, das er als „[…] jedes beliebige Stück Chromosomenmaterial, welches potenziell so viele Generationen überdauert, daß es als eine Einheit der natürlichen Auslese dienen kann“ (Dawkins 1996, S. 63) definiert.
2. Altruismus
2.1 Was ist Altruismus und warum dürfte es so etwas nicht geben?
Unter Altruismus versteht Dawkins das Verhalten von Tieren wie Menschen, welche nicht in Hinblick auf Nutzen für sich selbst, ja sogar zu ihrem eigenen Schaden, aber zugunsten des Wohlergehens eines anderen Lebewesens handeln. Solchermaßen altruistisches Verhalten ist in Sinn und Zweck genau gegenteilig zu dem ausgerichtet, was man von einem Individuum erwarten würde, welches aufgrund der Auslese von Genen entstanden ist, die dem eigenen Körper Vorteile verschafften, oft (wenn auch unbewusst) auf Kosten anderer. Konnte man früher vom Wohl der Art ausgehend argumentieren, dass es sich lohnt, wenn ein einzelnes Tier sein Leben opfert, so betrachtet Dawkins dieses Phänomen auf der genetischen Ebene. Hier wird klar, dass es für das Gen keinerlei Sinn hat, wenn sein Körper zugunsten anderer Gene Opfer bringt, „Das Nettsein stirbt einen darwinistischen Tod.“ (Dawkins 1996, S. 323).
Tatsache ist dennoch, dass altruistisches Verhalten existiert. Die Lösung? Für Richard Dawkins liegt sie in dem Wort „scheinbar“. Seiner Ansicht nach stellt sich bei genauerer Betrachtung häufig heraus, dass altruistische Handlungen versteckt dem Eigennutzen der Gene dienen (vgl. Dawkins 1996, S. 28).
2.2 Verwandtschaftlicher Altruismus
Ein wichtiger Ansatzpunkt, um verwandtschaftlichen Altruismus zu erklären (wie er zwischen Eltern, Kindern und anderen Familienmitgliedern auch im Tierreich ganz offensichtlich vorkommt), ist die Tatsache, dass zwischen vielen Individuen einer Population eine mehr oder weniger nahe genetische Verwandtschaft besteht. In einem solchen Fall könnte man annehmen, dass es der Weiterverbreitung eines Gens förderlich ist, wenn das von ihm gesteuerte Lebewesen anderen verwandten Lebewesen gegenüber hilfsbereit ist, da diese mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit dasselbe Gen beherbergen und weitergeben werden. Auf diese Art könnte auch ein „altruistisches Gen“ in seiner Ausbreitung erfolgreich sein, selbst unter der Voraussetzung, dass einige seiner Träger bei altruistischen Handlungen sterben. Wichtig ist nur, dass sie Überlebenshilfe für andere Körper leisten, in denen das Gen ebenfalls enthalten ist und sie mit dieser Strategie erfolgreicher sind als jene Individuen, die keine derartigen Hilfsleistungen erbringen. (Vgl. Dawkins 1996, S. 154f.)
2.3 Wechselseitiger Altruismus
Abgesehen von Hilfsleistungen zwischen verwandten Lebewesen bedarf es noch einer Erklärung für derartiges Verhalten in nicht familiären Beziehungen. Hier beschreibt Dawkins das Konzept eines gegenseitigen Altruismus, geht allerdings davon aus, dass wir es wieder nur mit scheinbar selbstlosem Verhalten zu tun haben. Die Grundlagen dieses Ansatzes sind wohl allgemein verständlich, immerhin sind Symbiosen zwischen verschiedenen Arten in der Tierwelt sehr zahlreich und zeichnen sich in der Regel dadurch aus, dass beide Partner von der Verbindung profitieren und daraus größeren Nutzen ziehen, als sie Kosten investieren.
Diese Ergebnisse lassen den Schluss zu, dass selbst wenn die Gene auf ein egoistisches Ziel hinarbeiten, eine altruistische, „nette“ Strategie für das Individuum mitunter der beste Weg sein kann, dieses Ziel zu erreichen.
III RATIONAL CHOICE THEORIE
1. Die Rational Choice Theorie und der Altruismus
1.1 Über Altruismus allgemein
In der Anwendung auf das Phänomen Altruismus bestehen einige Ähnlichkeiten zwischen den soziobiologischen und Rational Choice Theorien. Die Erklärungen von Dawkins für verwandtschaftlichen und wechselseitigen Altruismus beruhen im Grunde auch nur auf einer Kosten-Nutzen-Analyse auf der Ebene der Gene, ohne die sich dieses Verhalten sonst nicht durchsetzen hätte können.
Einmal mehr ist hier der Mensch eine fundamentale Ausnahme: Wie auch von Dawkins schon erwähnt, besitzt der Mensch dank seiner geistigen Fähigkeiten die Möglichkeit, seine Aktivitäten mit einer gewissen Voraussicht bewusst zu steuern. Er kann sein Verhalten mit der Einsicht in die Vorzüge altruistischer Handlungsweisen gestalten, er kann seine kurzfristigen egoistischen Vorzüge gegenüber längerfristigem Allgemeinwohl hintanstellen.
Wenn die Mitglieder einer Population einander immer helfen würden, wäre dieses Verhalten zwar das allgemein gewinnbringendste, aber nicht das stabilste. Ein einzelner Fiesling, der die anderen ausbeutet, würde immer noch mehr davon profitieren und sich somit stärker vermehren, auch wenn er schlussendlich selbst unter der allgemeinen Anwendung seines Verhaltens leiden würde. Der Mensch jedoch ist in der Lage, seine selbstsüchtigen Absichten zu unterdrücken, da er zur vorausschauenden Erkenntnis der Konsequenzen fähig ist. Das muss natürlich nicht heißen, dass seine Entscheidung immer zu Gunsten der allgemeintauglichsten Variante ausfallen wird. Dennoch ist die Möglichkeit zur Selbstbeschneidung der egoistischen Wünsche eines einzelnen Menschen zum Wohle aller ist ein bemerkenswerter Unterschied zum Tierreich: „Was am Menschen der Erklärung bedarf, ist nicht sein häufiges Laster, sondern die gelegentliche Tugend.“ (Ridley 1997, S. 59).
Der ursprüngliche Rational Choice Ansatz mit seinen Grundsätzen der mathematisch-logischen Gewinnmaximierung scheint auf den ersten Blick bei der Erklärung altruistischen Verhaltens nicht sehr viel weiterzuhelfen. Ganz im Gegenteil, aus der ureigenen Definition des Altruismus als „uneigennützig“ erwächst dem ganzheitlichen Erklärungsanspruch der Rational Choice Theorie eine ähnliche Bedrohung wie der soziobiologischen Theorie des egoistischen Gens. Die Lösung des Problems liegt einmal mehr im Wörtchen „scheinbar“. Man geht auch hier von einem verborgenen Nutzen für den Altruisten aus, der die Kosten seiner Tat überwiegt.
1.2 Eigennütziger Altruismus
Das naheliegendste Rationalitätskonzept für das Verständnis altruistischer Handlungen beim Menschen wäre die Neuinterpretation der allen Entscheidungen zugrundeliegenden Kosten-Nutzen-Analyse. Allerdings muss der Begriff des „Nutzens“ häufig im empirisch schwer überprüfbaren immateriellen Bereich angesiedelt werden, um eine adäquate Erklärung verschiedener scheinbar uneigennütziger Handlungen mit diesem Schema zu ermöglichen. Die Formen, die dieser Gewinn annehmen kann, sind vielfältig und in ihrer Komplexität schwer zu erfassen, einige Beispiele wären Ruhm, Ehre und soziale Anerkennung.
Natürlich funktioniert dieses Prinzip nur in einem gesellschaftlichen Umfeld, in dem Nächstenliebe und Uneigennützigkeit zu den höchsten Tugenden zählen. Haben sich solche Ideale in einer Gesellschaft erst etabliert, so kann in mancher Hinsicht sogar ein regelrechter Druck auf das Individuum bestehen, nach diesen Vorstellungen zu handeln. Sollte es sich dagegen entscheiden, so hätte es wesentlich größere Nutzeneinbußen zu beklagen, als wenn es die Hilfsleistung durchgeführt hätte.
1.3 Mitfühlender Egoismus
Eine andere Möglichkeit um von „scheinbar“ altruistischen Handlungen zu profitieren ist eine Art der „inneren moralischen Belohnung“, die allerdings mehr mit persönlicher Schadensbegrenzung als mit tatsächlichem Nutzen zu tun hat. Es geht hierbei um die Bekämpfung des eigenen Unbehagens, das den Großteil der Menschen befällt, wenn sie mit dem Leid anderer konfrontiert werden. Also wären altruistische Handlungsweisen sehr wohl auf den eigenen Vorteil ausgerichtet insofern, dass mitfühlende Menschen sich sehr schlecht fühlen können, wenn sie die Not eines anderen sehen, und mit der Bekämpfung derselben auch ihr eigenes Wohlbefinden steigern. (Vgl. Hunt 1992, S.21f. und S. 164f.)
„Je mehr Sie aufrichtig mit Menschen in Not mitfühlen, um so eigennütziger sind Sie, wenn Sie jene Not lindern. Nur diejenigen, die Gutes aus kalter, ungerührter Überzeugung tun, sind „wahrhaft“ selbstlos.“ (Ridley 1997, S. 38).
IV SOZIALPSYCHOLOGIE
1. Die Sozialpsychologie und der Altruismus
1.1 Über Altruismus allgemein
Der von Dawkins beschriebene wechselseitige Altruismus wurde durch eine bestimmte evolutionäre Entwicklung begünstigt: Längerfristige soziale Beziehungen, denn nur vor einem solchen Hintergrund wird sich häufige Zusammenarbeit etablieren. Kaum ein Mensch würde sich in einer Kleinstadt oder in der unmittelbaren Umgebung seiner Heimatwohnstätte beim Anstehen in einer Schlange so rücksichtslos verhalten, wie es in Manhattan oder im 1. Wiener Bezirk gang und gäbe ist. In der Anonymität von Großstädten ist das Risiko, demselben Menschen, dem man gerade seinen Ellbogen in die Seite gerammt hat, noch einmal zu begegnen, sehr gering. Wohingegen in kleineren Orten die Wahrscheinlichkeit, auch den gegnerischen Ellbogen noch zu spüren zu bekommen, sehr hoch ist. (Vgl. Ridley 1997, S. 101-103).
Ein Grund, warum dieses System der gegenseitigen Rücksichtnahme auch in anonymeren menschlichen Gefügen unserer Gesellschaft dennoch größtenteils funktioniert und in dieser Form schon geraume Zeit andauert, sind die Geflechte von (formellen und informellen) sozialen Normen und Regeln. Bei einer Verfehlung eines Mitglieds einer Population treten eine Reihe von Bestrafungen verschiedenster Art auf, ausgehend von dem geschädigten Individuum selbst (innere Sanktionierung), anderen Individuen oder von einer institutionalisierten Form der gesellschaftlichen Sanktionsausübung.
1.2 Die Einflusskraft sozialer Normen auf den Altruismus
Normen können von traditionellen, aus vielseitigen kulturellen Gründen entstandenen Verhaltensregelungen („Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“, „Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg’ auch keinem anderen zu“, etc.), bis hin zu gesetzlich abgesicherten Maßregelungen über die situationsbedingte Verpflichtung zu Hilfeleistung verschiedener Art reichen. Ihre Wirksamkeit (bzw. jene der auf Verstoß folgenden Sanktionen) hängt unter anderem davon ab, inwiefern der Einzelne diese Normen verinnerlicht hat und als persönliche Verbindlichkeiten empfindet. (Vgl. Heckhausen 1989, S. 286).
Heckhausen unterscheidet zwei allgemeine Normkonstrukte, welche sich auf das vermeintlich altruistische Hilfehandeln auswirken. Als erste wäre die Norm der sozialen Verantwortlichkeit zu nennen: Hier wird immer dann eine Hilfsleistung vorgesehen, wenn der Notleidende von der Zuwendung potenzieller Helfer abhängig ist und in dieser Situation keine andere Möglichkeit besteht, um sein Leiden selbst zu beheben. (Vgl. Heckhausen 1989, S. 286-287). Hier kommt vor allem die Fähigkeit zur Empathie, zur Einfühlung in die Sichtweise des Hilfebedürftigen zum Tragen.
Die andere wesentlich entscheidende Norm altruistisches Verhalten betreffend ist die Norm der Gegenseitigkeit, welche in ihren grundlegenden Zügen dem Prinzip „Wie du mir, so ich dir“ entspricht. Während bei der Norm der sozialen Verantwortlichkeit die Entscheidung zur Hilfe in der persönlichen und möglicherweise sogar tatsächlich altruistischen Motivation des Helfers liegt, wird bei der Norm der Gegenseitigkeit oft das Fehlen dieses altruistischen Charakters bemängelt, sodass man auch hier nur von „scheinbarem“ Altruismus sprechen kann. Dieses Handeln entspricht somit größtenteils nur der Reaktion auf bereits empfangene Hilfe oder einer in Voraussicht auf Wiedergutmachung getätigten Leistung.
1.3 Situationsbedingungen
Die Wirkungsweise sozialer Normen werden oftmals sehr stark von einer weiteren Variable beeinträchtigt, die häufig unterschätzt wird: Die Situationsbedingungen.
Nach dem Mordfall Kitty Genovese, erstochen am 13. März 1965 in New York (bei einem Überfall, den gut 30 Nachbarn bemerkten ohne einzuschreiten) fanden zwei junge Sozialpsychologen, John Darley und Bibb Latané, zusammen. Sie führten daraufhin Experimente über die Unterschiede im altruistischen Handeln bei mehr oder weniger anwesenden Personen durch und erhielten interessante Ergebnisse. Die wichtigste Entdeckung war das Phänomen des „bystander effect“ oder zu Deutsch „Zuschauereffekt“, dessen ablaufende Prozesse sie mit drei Stufen umschrieben. Erstens existiert eine Scheu, vor anderen Menschen als erster etwas zu unternehmen, ohne dass ganz klar ist, was in dieser Situation zu tun das Richtige wäre; zweitens die Überlegung, dass „das Richtige“ möglicherweise das passive Verhalten der anderen ist; und drittens das Abschieben der Verantwortung auf die anderen Anwesenden. (Vgl. Hunt 1992, S. 125-127).
Dieser letzte Punkt, die „Verantwortungsdiffusion“ ist vermutlich der Schlüsselgrund, warum in manchen Extremfällen die Hilfeleistung auch ganz unterbleiben kann. Wenn in einer kritischen Notsituation mehrere Personen anwesend sind, überträgt das Individuum sein Verantwortungsgefühl für helfendes Eingreifen zu einem großen Teil auf die anderen Anwesenden. (Vgl. Heckhausen 1989, S. 285f.).
V SCHLUSSBETRACHTUNG
Wie man sieht, sind die möglichen Erklärungen für altruistisches Verhalten breit gefächert und in ihrer Anwendung auf spezifische Situationen oftmals sehr vielseitig. Hier wurde nur ein kurzer Einblick gegeben in die unterschiedlichen Sichtweisen aus drei theoretischen Richtungen, in denen das Phänomen Altruismus ein zentrales und dementsprechend wichtiges Themengebiet darstellt. Nicht zu unterschätzen ist jedoch die Tatsache, dass dies nur eine Auswahl von vielen Bereichen ist, die sich direkt oder indirekt damit befassen.
Die soziobiologischen Theorien von verwandtschaftlichem und wechselseitigem Altruismus können das Entstehen, die Weiterverbreitung und den Sinn scheinbar uneigennützigen Verhaltens auf der biologischen Ebene plausibel machen und somit in großen Zügen Antworten auf die Frage geben, warum ein solches Verhalten auch bei Tieren überhaupt anzutreffen ist. Problematisch wird es im Detail und bei der Anwendung auf den Menschen, da die Vielfalt und Allgegenwärtigkeit von kleinen oder großen, scheinbar oder wirklich altruistischen Handlungen mit diesen groben Prinzipien nicht mehr fassbar ist.
Anders der Rational Choice Ansatz, der sich speziell mit dem menschlichen Altruismus befasst. Hier werden gute Dienste beim Verständnis einer breiten Palette von scheinbar uneigennützigen Handlungen geleistet, deren Häufigkeit und Verbreitung abhängig vom bewussten oder unbewussten Anstreben einer positiven Nutzenbilanz ist. Wie in der Soziobiologie wird dabei einmal mehr ein unterschwelliger Egoismus als Motivation enttarnt, was aber in der breiten Definition von „Nutzen“ als beispielsweise soziale Wertschätzung durchaus nicht negativ behaftet sein muss. Aber egal wie verschwommen und großzügig man den Nutzenbegriff auslegt oder wie fantasievoll man auch nach den „wahren“ egoistischen Gründen einer guten Tat sucht, in manchen Fällen führt es dennoch nicht zum Ziel einer befriedigenden Erklärung. Dadurch zeichnen sich neben Extremsituationen wie dem Tod eines Altruisten auch viele kleine unauffällige Handlungen aus, in denen so gut wie keine egoistische Rationalität zu finden ist.
Noch detailliertere Erklärungen liefert die Sozialpsychologie mit einer konsequenten Hinwendung auf den allgemeinen und immer gegenwärtigen Einfluss gesellschaftlicher Normen auf unser soziales Verhalten. Aber selbst unter Einbeziehung spezifischer Situationsbedingungen und psychologischen Persönlichkeitsunterschieden lässt sich auch nur für fast jede Lage eine individuelle, sinnvolle Begründung finden. Hier sieht man sich dann mit dem umgekehrten Problem konfrontiert, da es aufgrund der starken Situationsabhängigkeit kaum Wege zu einer etwas allgemeineren, eine Vielzahl von Fällen umfassenden Theorie gibt, was die Anwendung aber um einiges erleichtern würde.
Trotzdem ist die Tatsache nicht zu verschleiern, dass alle diese Erklärungsversuche nur eine mehr oder weniger genaue Annäherung an eine Wahrheit sind, die in ihrer geheimnisvollen Komplexität vermutlich nie ganz erschlossen werden kann. Dennoch sollte man daraus nicht schließen, dass die vorhandenen oder auch zukünftigen Ansätze keinerlei Nutzen bringen und die Weiterarbeit daran vergebliche Liebesmüh ist. Auch ohne allgemein gültiges Erklärungsmodell darf man die existierenden Möglichkeiten für die Erschließung von spezifischen Teilbereichen nicht unterschätzen, solange man sich der entsprechenden Mängel bewusst ist und sie in die Analyse miteinbezieht.
Weitere Erkenntnisse im Bereich Altruismus können unseren täglichen Umgang damit verbessern, und das wäre nicht nur aus moralischen Gründen wünschenswert, sondern auch sinnvoll im Hinblick auf ein angenehmeres Zusammenleben. Denn, wie Emile Durkheim sagte, keine Gesellschaft kann Bestand haben, in der die Menschen nicht ständig Opfer füreinander bringen (vgl. Hunt 1992, S. 14).
Autor: Claudia Zimmermann, Soziologiestudentin der Karl-Franzens Universität Graz
Die Originalfassung der Bakkarbeit, sowie das Literaturverzeichnis zum Download: Das Geheimnis Altruismus.pdf
Bildquelle: PixelQuelle.de